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FAQs

FAQs

Übersicht:

1. Allgemeines zur Person
2. Allgemeines zum Schreiben
3. Werdegang
4. Vorbilder
5. Arbeitsweise
6. Figuren
7. Aussagen zur eigenen Arbeit
8. Phantastik und Fantasy
9. Übersetzungen
10. Adaptionen
11. Nachwuchs

Antworten zusammengestellt aus Interviews 2007 – 2010:
Phantastik-Couch 2007, Soforthoeren.de 2008, Leserwelt 2009, Zauberspiegel 2009, Littera 2009, Leserinterview Hugendubel 2009, Montsegur 2009, Booksection 2010, Jugendbuch-Couch 2010, Elbenwald 2010, Leserfragen bei Lovelybooks 2010

Einige Fragen zum Autorenwerdegang beantwortet Kai Meyer in diesem Interview bei “The Geek Show”:

1. Allgemeines zur Person

Als was für eine Art Mensch würden Sie sich selbst beschreiben?
Als Autor bin ich extrem lernbegierig. Ich möchte mich selbst mal nie sagen hören: „Ich kann das alles, mir macht keiner was vor.“ Ich lerne bei jedem Buch dazu. Klingt wie ein Klischee, ist aber absolut wahr. Und anders möchte ich es auch nicht haben.

Was ist dem Menschen Kai Meyer wichtig?
Im Privaten das Übliche, das jeder für sich und seine Familie möchte. Beruflich vor allem Professionalität und Zuverlässigkeit. Hapert es an einem davon, macht mich das wahnsinnig.

Was würden Sie sagen, ist Ihre größte Macke?
Ich bin, was den Umgang anderer mit meiner Arbeit angeht, wahrscheinlich nicht mehr ganz so ruhig und geduldig wie früher. Heute kann ich mich eher mal über Kleinigkeiten ärgern, die ich früher einfach hätte von mir abprallen lassen. Wenn in einer – eigentlich vollkommen unbedeutenden – Amazon-Rezension oder in einem Blog jemand faktisch falsch argumentiert, aber es keine sinnvolle Möglichkeit zum Einspruch gibt, dann regt mich das auf. Nicht immer nach außen hin, aber innerlich schon.

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht schreiben?
Simple Dinge. Mit meinem Hund durch die Felder laufen. Bücher lesen. Filme anschauen. In Zeitschriften blättern; ich habe Berge von Filmmagazinen aus den USA und England im Abo.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Ganz ehrlich? Darüber habe ich mir vor zehn Jahren keine Gedanken gemacht und tue es auch heute nicht. Im Jahr 2000 hätte ich nicht ansatzweise voraussagen können, in welcher Position ich mich heute befinde, und ich versuche gar nicht erst, das auf 2020 zu projizieren.

 

2. Allgemeines zum Schreiben

Was ist das beste daran, Schriftsteller zu sein?
Trotz aller Sackgassen, in die manch einen ein freischaffender Beruf manövrieren kann: Der kleine Zusatz „frei“ ist vielleicht wirklich einer der angenehmsten Faktoren am Schriftstellerdasein. Nur kann das niemals „das Beste“ sein – sonst könnte ich ja auch freiberuflicher Fliesenleger sein. Ganz oben auf der Liste dürfte demnach stehen: meine Geschichten für andere real werden zu lassen. Zumindest für die Zeit, die sie mit meinem Buch verbringen.

Was fasziniert Sie am Schreiben?
Anderen Menschen Bilder in den Kopf zu pflanzen, die es dort vorher nicht gegeben hat – in der Hoffnung, dass sie sich festsetzen und auch nach Jahren mal wieder zum Vorschein kommen. Das war vor allem der Grund für mich, die ersten Kinder- und Jugendbücher zu schreiben. Erfahrungsgemäß sind ja die Bücher, die wir in unserer Kindheit lesen, diejenigen, an die wir uns am längsten erinnern können und die uns am meisten beeinflussen.

Sie haben, bevor Sie freier Schriftsteller wurden, als Redakteur und Journalist gearbeitet. Glauben Sie, dass die Arbeit als Journalist eine gute Vorbereitung für den Beruf als Schriftsteller ist?
Journalismus war für mich in mehrfacher Hinsicht eine gute Schule. Zum einen habe ich als Redakteur einer Boulevardzeitung gelernt, zielgenau und ökonomisch zu recherchieren. Zum anderen hat man mir dort mit Anfang zwanzig ausgetrieben, mich selbst für den größten Stilisten unter der Sonne zu halten – jeder Text kann verbessert werden, ganz gleich, wer ihn geschrieben hat. Und zuletzt, und das ist genauso wichtig, haben wir unsere Texte für ein Boulevardblatt konsequent auf Emotion und größtmöglichen Effekt gebürstet. Das merkt man meinen Büchern, glaube ich, heute noch an.

Wie sehen Ihre Gefühle kurz vor einer Veröffentlichung aus? Sehen Sie dem nach so vielen Romanen gelassener entgegen?
Ich bin gelassener geworden, aber es ist schon noch spannend. Bei den Trilogien allerdings nur beim ersten Band, beim zweiten und dritten legt sich das aus irgendwelchen Gründen. Dabei sind das ja ebenso neue Bücher wie Band eins, aber in meinem Kopf scheint es da ein Signal zu geben: Mit dem ersten Teil wurde die Geschichte auf die Welt losgelassen und damit ist alles in Ordnung. Es hängt aber sehr davon ab, WAS genau erscheint. Bei den ersten Comics (WELLLENLÄUFER und WOLKENVOLK) war ich noch einmal sehr gespannt, obwohl ich den Inhalt vorher kannte. Ein wenig aufgeregt war ich auch bei ARKADIEN ERWACHT. Wirklich aus dem Häuschen war ich zuletzt, als ich vor ein paar Jahren kurz vor Weihnachten ins WDR-Studio fuhr, um mir zum ersten Mal mit dem Regisseur mein Hörspiel DER BRENNENDE SCHATTEN anzuhören. Oh, und natürlich, als ich ein Video mit dem Rohschnitt meiner GELÜBDE-Verfilmung zugeschickt bekam. Den hab ich mir gleich dreimal hintereinander an einem Tag angeschaut.

Wie wichtig sind Ihnen Lesungen?
Sind Sie vor einer solchen Veranstaltung nervös? Ich habe nur noch sehr selten Lampenfieber – und wenn doch kann ich in der Regel nicht nachvollziehen, warum nun gerade bei dieser oder jener Veranstaltung. Normalerweise hat das nichts mit der Publikumsgröße zu tun. Auch nicht mit Presse oder Kameras. Das Ganze folgt Regeln, die mir ein ziemliches Rätsel sind. Aber zum Glück passiert das kaum noch.

Wie gehen Sie mit Kritik an Ihren Werken um?
Der überwiegende Teil der Besprechungen ist positiv, was den Umgang mit ihnen erleichtert. Es gibt negative Kritiken, über die ich mich ärgere, aber nur dann, wenn ich das Gefühl habe, der Rezensent wird unsachlich. Ich vergesse sie aber auch sehr schnell wieder.

Inwieweit ändert sich durch den beinahe direkten Kontakt per Blog, Twitter und Facebook das Verhältnis von Autor und Leser?
Früher lief mein Kontakt zu Lesern vor allem über meine Website, dort über Journal (Blog) und Forum. Das hat sich etwas verlagert zu Facebook und Twitter, was nicht meine Entscheidung war – ich bin da mehr oder weniger dem Zeitgeist gefolgt. Aber beides, gerade Facebook, ist natürlich auch enorm praktisch für solche Kontakte und ich freue mich wirklich, wie schnell und häufig und oft auch fundiert die Reaktionen der Leser/innen kommen. Zudem bekommen die Leser plötzlich ein Gesicht, einen Namen, eine Stimme – das gab es früher nicht, von Begegnungen bei Lesungen abgesehen.

3. Werdegang

Wie haben Sie angefangen?
Angefangen mit dem Schreiben habe ich mit elf, mit siebzehn dann meinen ersten Artikel an ein Filmmagazin verkauft, den ersten Heftroman (eine Art Kurzroman, der als Heft gedruckt und an Kiosken und Bahnhöfen verkauft wird) mit neunzehn. Das erste richtige Buch habe ich mit zweiundzwanzig begonnen.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich wollte Geschichten erzählen, egal mit welchen Mitteln. Schreiben konnte ich besser als Zeichnen. Filmemachen klang mit achtzehn, neunzehn mal nach einer spannenden Alternative, aber heute bin ich froh, dass es anders gekommen ist. Ich habe diverse Dreharbeiten und das ganze Drumherum bei den Verfilmungen meiner Sachen mitbekommen, das muss ich nicht auf Dauer haben.

Wie verliefen Ihre ersten Schreibversuche?
Ich habe als Teenager eine Menge Kurzgeschichten geschrieben – oder besser: begonnen −, zu Anfang meist mehr oder minder basierend auf dem, was ich selbst gern gelesen oder im Kino gesehen habe. Meine allererste Geschichte, mit elf, war mehr oder minder vom „Herrn der Ringe“ abgeschaut, danach habe ich mich an einer ganzen Menge Fortsetzungen von Filmen versucht – heute würde man das Fan-Fiction nennen. Ich habe mal „Das Imperium schlägt zurück“ fortgesetzt (das war vor „Rückkehr der Jedi-Ritter“), aber auch obskure Sachen wie den Film „Der Zauberbogen“. Mit den Jahren wurden dann eigene Ideen und Plots daraus.

Haben Sie studiert?
Ich habe angefangen, in Bochum Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Philosophie und Germanistik zu studieren, dann aber abgebrochen, als ich die Möglichkeit bekam, ohne Studienabschluss ein Volontariat als Journalist zu machen. Danach war ich anderthalb Jahre Redakteur bei einer Boulevardzeitung im Ressort Vermischtes/Kultur. 1995 habe ich mich als Schriftsteller selbstständig gemacht und beruflich nie mehr etwas anderes getan als Bücher – und zeitweise parallel Drehbücher – zu schreiben.

Wie sind Sie an einen Verlag gekommen und wie wurde Ihr erstes Buch veröffentlicht?
Mein erstes Buch war 1993 ein True-Crime-Roman, DER KREUZWORTRÄTSEL-MÖRDER. Vorher habe ich eine Handvoll Heftromane für Bastei-Lübbe geschrieben, um 1989 oder 1990 für die Serien „Mitternachts-Roman“ und „Jerry Cotton“. Mit dem ersten richtigen Buch ist das bei mir etwas ungewöhnlich gelaufen: Ich hatte meinen ersten Buchvertrag in der Tasche, bevor überhaupt eine einzige Seite geschrieben war. 1993 suchte der Bastei-Lübbe-Verlag einen deutschen Kriminalfall für seine True-Crime-Reihe, in der bis dahin nur Übersetzungen aus dem Englischen erschienen waren. Einige deutsche Autoren, teilweise recht prominente, hatten es versucht, waren aber nicht weit gekommen. Ich war damals dreiundzwanzig, gerade Volontär bei einer Tageszeitung, hörte davon und habe ein zweiseitiges Exposé eines Falls verfasst, von dem mir eine befreundete Gerichtsreporterin erzählt hatte. Offenbar habe ich dem Verlag glaubwürdig genug verkaufen können, dass ich in der Lage sei, ein Buch daraus zu machen. Normalerweise schickt man ca. 50 fertige Seiten und eine Zusammenfassung. Jedenfalls bekam ich meinen Vertrag, sogar mit einem ganz passablen Vorschuss, recherchierte ein halbes Jahr lang und schrieb dann das Buch. Anschließend habe ich mir geschworen: Nie wieder ein Tatsachenroman. Ich wollte immer phantastische Literatur schreiben, aber dieses erste Buch war mein Fuß in der Tür. Danach habe ich machen können, woran ich Spaß hatte.

Was war das für ein Gefühl, Ihr erstes Buch gedruckt in Händen zu halten?
Natürlich war ich aufgeregt. Aber gleich darauf kam die Ernüchterung: Im Manuskript hatte ich die Namen der realen Personen, die in den Kriminalfall verwickelt waren, aus rechtlichen Gründen geändert – auf dem Cover war dann aber, innerhalb eines Zeitungsausschnitts, der dort verwendet worden war, der wahre Name des Mordopfers zu lesen. Das hat mich ziemlich aufgeregt, zumal es nicht lange dauerte und ich einen Anruf vom Weißen Ring bekam, einer Vereinigung, die die Rechte von Opfern wahrt und schlimmstenfalls einklagt. So weit ist es dann aber nicht gekommen.

Was führte zu der Entscheidung, Vollzeit-Schriftsteller zu werden?
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt, 1995, bereits ein paar Bücher veröffentlicht, und ich war ziemlich sicher, dass ich davon würde leben können. Ich war nie ein besonders engagierter Journalist gewesen, abgesehen vielleicht von der allerersten Zeit, aber danach ging es mir vor allem um das Schreiben selbst, weniger um die Recherche vor Ort. Aus Nachrichten echte Geschichten zu machen, hat mir bis zu einem gewissen Punkt Spaß gemacht. Aber ich wollte immer lieber meine eigenen Geschichten verfassen und nicht vom Tagesgeschehen abhängig sein. Letztlich bin ich mit einer ziemlich gesunden Selbsteinschätzung in die hauptberufliche Schriftstellerei gestartet. Die einzige Vorgabe, die ich mir gesetzt hatte, war die, im ersten Jahr so viel zu verdienen wie zuvor als Redakteur. Ich hatte schon eine Familie, war gerade in eine relativ teure Altbauwohnung gezogen, und wollte meinen Lebensstandard nicht aufs Spiel setzen. Aber, ehrlich gesagt, hatte ich diese Angst auch nicht wirklich. Womöglich auch weil ich noch so jung war, gerade mal Mitte zwanzig.

Wie sind Sie darauf gekommen, historische Personen und Ereignisse mit phantastischen Elementen aus der Welt der Mythen, Märchen und Sagen miteinander zu verbinden?
Anfang der Neunziger erklärten mir die Verlage, Phantastik aus Deutschland wollten sie nicht haben – mit Ausnahme von Wolfgang Hohlbein, woraufhin ich ihnen anbot, historische Romane zu schreiben. Gar nicht so sehr, weil mich Geschichte interessierte, sondern weil ich immer ein Fan von Mantel-und-Degen-Filmen und vor allem der alten ZDF-Adventsvierteiler war. Etwas in der Art wollte ich schreiben, und so kam DIE GEISTERSEHER zustande. Und solange die Verlage „Historischer Roman“ auf den Umschlag schreiben konnten, hatte ich freie Hand mit phantastischen Elementen. Also vermischte ich beides immer stärker, was ich ohnehin viel reizvoller finde als eine vollständig ausgedachte Fantasywelt.

4. Vorbilder

Welche Autoren haben Sie am meisten beeinflusst?
Als ich mit elf den „Herrn der Ringe“ gelesen habe, dachte ich mir, so etwas möchte ich auch mal machen. Gar nicht so sehr inhaltlich – auch wenn ein paar meiner ersten Schreibversuche als Teenager in diese Richtung gingen −, sondern eher vom viel beschworenen „sense of wonder“ her. Dieses Staunen war immer das, was ich in erster Linie in der Phantastik gesucht habe. Wenn einen Leser die Bilder und Emotionen einer Geschichte nicht mehr loslassen, dann ist mir gelungen, was ich mir vorgenommen habe. Ich bin also nicht so sehr von einzelnen Autoren beeinflusst worden, als vielmehr vom Potential des Genres.

Haben Sie literarische Vorbilder oder Autoren, die Sie besonders geprägt oder gar inspiriert haben?
Ich hatte Vorbilder, als ich mit dem Scheiben begonnen habe, Anfang der Neunzigerjahre. Den frühen Clive Barker, dann Neil Gaiman (als er „nur“ Comics schrieb), Alan Moore, die ganze Riege der britischen Autoren, die für das amerikanische Comiclabel Vertigo geschrieben hat. Peter Milligan, Grant Morrison, Jamie Delano. Ihr Einfluss tauchte anfangs nur vage auf (ab DIE GEISTERSEHER), deutlicher dann im SCHATTENESSER. Heute erkenne ich noch Prägungen früherer Vorbilder, sehe das Ganze aber abgeklärter: Ich weiß, wie Autoren arbeiten, was sie gut und was sie nicht so gut machen, daher gibt es keine konkrete Vorbildfunktion mehr. Ich kann auch manches gut aus der Ferne bewundern, ohne aber selbst so schreiben zu wollen (Cormac McCarthy, z. B.) Mittlerweile sehe ich leider selbst bei den besten Autoren vor allem, welche Fehler sie machen und wo diese sich mit meinen eigenen decken – das ist eine Berufskrankheit, schätze ich.

Welche Art von Literatur bevorzugen Sie privat?
Ich kaufe sehr viele Bücher, vorrangig phantastische Literatur, lese aber nur noch wenige bis zum Ende. Ich habe immer mehr Schwierigkeiten, mich auf Romane einzulassen, weil ich die dramaturgischen Kniffe zu schnell durchschaue. Das ist ein wenig wie bei Bühnenzauberern: Wenn man die Tricks kennt, ist es nicht mehr wirklich spannend zuzusehen, wie die Assistentin zersägt wird. Nach wie vor lese ich – ganz oder teilweise – viele Sachbücher, oft zur Recherche meiner eigenen Bücher, aber auch aus Interesse. Viele Biografien von Schriftstellern und Filmemachern, zum Beispiel.

5. Arbeitsweise

Wie verläuft ein Arbeitstag bei Ihnen?
Aufstehen um sechs, frühstücken, mit dem Hund draußen auf den Feldern spazieren gehen, gegen acht, halb neun am Schreibtisch sitzen und die ersten E-Mails beantworten. Dann überarbeite ich meine Seiten vom Vortag und versuche, zehn neue zu schreiben. Oft klappt das, aber nicht immer, weil ich mich genau wie alle anderen von Anrufen, E-Mails und dem Internet im Allgemeinen ablenken lasse. Es ist in den letzten Jahren auch ein ziemlich hoher organisatorischer Aufwand hinzugekommen, trotz meiner Agentur: Ich schreibe oder überarbeite Rückseitentexte, diskutiere über Coverentwürfe, korrigiere Manuskripte meiner Hörspieladaptionen usw.

Haben Sie eine bestimmte Tageszeit an der sie besonders kreativ sind?
Früher am Vormittag, mittlerweile eher der späte Nachmittag.

Was machen Sie in Schreibpausen?
Es ist nicht so, dass ich z. B. sage: Um zehn Uhr mache ich eine Pause. Vielmehr beginne ich mit dem Schreiben, dann klingelt das Telefon, die Post kommt, ich lese zwischendurch E-Mails, esse was, mache mir Kaffee, gehe auch mal schnell in die Stadt. Die Übergänge zwischen Arbeiten und Nicht-Arbeiten sind fließend. Was längere Pausen zwischen Büchern angeht, so versuche ich in dieser Zeit, selbst mal ein paar Sachen zu lesen und diverse Türme mit ungeöffneten DVDs abzuarbeiten.

Haben Sie eine Konzeptionsphase, bevor Sie mit dem eigentlichen Schreiben anfangen? Gibt es Tage, an denen Sie blockiert sind?
Alle meine Bücher sind bis ins Detail durchgeplant, bevor ich die erste Seite schreibe. Szene für Szene, Charakter für Charakter. Das ist mein Grundgerüst beim Schreiben, zum einen als Hilfestellung, zum anderen als Rückversicherung für Tage, an denen meine Motivation nicht groß genug ist, um den Plot wirklich ausgefeilt weiterzuentwickeln, sodass ich morgens nicht mehr auf die eine wichtige Idee warten muss. Darum bin ich auch selten ernsthaft blockiert. Solange ich mein Gerüst habe, an dem ich mich entlang hangeln kann, gibt es höchstens mal einzelne Tage, an denen es nicht so läuft wie es sollte.

Wie lange schreiben Sie im Schnitt an einem Buch?
An ARKADIEN ERWACHT habe ich ungefähr fünf Monate geschrieben – im Anschluss an eine etwa ebenso lange Phase der Konzeption. Ich erarbeite über mehrere Monate ein sehr genaues Exposé der Handlung, das im Fall von ARKADIEN ERWACHT etwa vierzig Seiten dick war. Im Fall von ARKADIEN BRENNT hatte das Exposé rund fünfzig Seiten, beim dritten Band fast sechzig. Die Arbeit daran dauert meist zwischen zwei und vier Monaten.

Wie lang war ihr erstes Exposé für einen Verlag? Gab es etwas, das Sie heute anders schreiben würden? Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste bei einem Exposé?
Meine Exposés haben sich vom Aufbau und Stil her über fast fünfzig Bücher hinweg kaum verändert. Ich erarbeite sie sehr detailliert und schätze, dass sie zu etwa achtzig Prozent mit dem fertigen Buch übereinstimmen. Sie sind sehr erzählend, mit erklärenden Einschüben. Wichtig sind mir, abgesehen vom reinen Plot, vor allem, dass ich jederzeit ersehen kann, auf welchem Wissenstand die Helden und die Leser sind. Gerade bei komplexen Geschichten wie meinen ist es tödlich, wenn man das durcheinanderbringt. Der einzige große Unterschied in meinen neueren Exposés ist der, dass ich mittlerweile auch in diesem Stadium bereits großen Wert auf die Entwicklung der Charaktere und ihre Gefühlslagen lege. Früher habe ich mir das oft bis zum eigentlichen Schreiben aufgehoben.

Wie gut kennen Sie ihre Figuren? Erstellen Sie Checklisten oder interviewen Sie Ihre Figuren?
Ich habe für einen einzigen Roman, DAS BUCH VON EDEN, mal solche Listen angelegt, in tagelanger Kleinarbeit – um später beim Schreiben zu merken, dass ich kein einziges Mal hineingeschaut habe. Ich habe das ganz schnell wieder aufgegeben. Ich muss die Figuren auch so gut genug kennen, um mich Tag für Tag in ihre Köpfe hineinzudenken. Das ist eher eine emotionale Bindung, keine sachliche anhand von Stichworten und Listen.

Wenn Sie heute ein neues Projekt haben, wie stellen Sie es dem Verlag vor? Immer noch mit klassischem Exposé?
Mittlerweile schließen wir die Verträge, bevor es ein Exposé gibt. Manchmal erzähle ich zuvor grob, was ich vorhabe, oder ich schreibe mal ein, zwei Seiten auf. In den meisten Fällen gibt es aber gar nichts, nur meine Zusage, bis zu einem bestimmten Termin ein Buch abzuliefern. Die Arbeit an so ausführlichen Exposés wie den meinen ist sehr zeit- und arbeitsaufwendig, das mache ich nicht ohne Vertrag. Das ist einer von mehreren Gründen, weshalb ich keine Drehbücher mehr schreibe: Auch dort werden ein Exposé und ein Treatment verlangt, beide sehr exakt, und beim Film ist das die Arbeit, die am schlechtesten bezahlt wird. Für ein Treatment, also einen Szenenaufriss ohne Dialoge, brauche ich aber die meiste Zeit. Ein 90-Minuten-Drehbuch schreibe ich in zwei Wochen, aber Exposé und Treatment dauern bei mir deutlich länger, wenn beides wirklich solide sein soll und die Arbeit mache ich mir nicht für das, was die Produzenten und Sender einem in diesem Stadium des Projekts dafür bezahlen. Das klingt schrecklich, ich weiß, aber ich schenke denen keine Ideen, zumal in den allermeisten Fällen ja eh nichts aus den geplanten Filmen wird auch das ist eines der traurigen Gesetze der Filmbranche.

Was macht Ihnen an Ihrem Beruf am meisten Spaß?
Die Konzeption neuer Geschichten. Das Ausarbeiten der allerersten vagen Ideen bis hin zu dem Punkt, an dem die Geschichte als detailliertes Exposé vor mir liegt und ich mit dem eigentlichen Scheiben beginne. Danach wird das Ganze zu echter Arbeit, die – wie jede Arbeit – mal Spaß macht, mal anstrengend ist, oder auch beides. Dabei ist es dann wiederum faszinierend zu sehen, wie aus einem Konzept lebendige Charaktere werden, wo das emotionale Potential steckt und wie ein Maximum an Spannung aus den Ereignissen herauszuholen ist.

Gibt es in Ihrem näheren Umfeld Personen, die Ihre Manuskripte oder Teile davon Probe lesen dürfen?
Meine Manuskripte lesen nur meine Lektoren. Ganz, ganz selten gibt es mal Ausnahmen.

Hören Sie beim Schreiben Musik oder brauchen Sie absolute Ruhe?
Manchmal höre ich Musik, aber niemals mit Text. Vor allem Filmmusik. Wobei ich in letzter Zeit immer mehr zu völliger Ruhe übergegangen bin.

Schreiben Sie gleichzeitig an mehreren Büchern?
Nein, immer nur an einem. Ich plane schon mal ein wenig für das nächste oder übernächste, aber nur vage.

Fällt es Ihnen leichter, Reihen oder Einzelbände zu schreiben?
Das hängt unter anderem vom Umfang ab. Ein Einzelband wie DAS BUCH VON EDEN, der ungefähr so viele Seiten hat wie eine komplette Trilogie, ist schwieriger, weil ich ihn vorab bis zum Ende detailliert plane. Bei den Trilogien gehe ich in der Planung von Buch zu Buch vor, das macht es auch für mich spannender.

Sie haben viele Romane vor historischem Hintergrund gschrieben. Wie viel Zeit nimmt die Recherche bei Ihnen in Anspruch?
Abhängig von der Komplexität des Romans und meiner Vertrautheit mit der Epoche einen bis drei Monate.

Wenn Ihre erste Fassung geschrieben ist, wie oft wird sie im Schnitt überarbeitet?
Permanent während des Schreibens und dann, nach Abschluss der ersten vollständigen Fassung, noch drei bis vier Mal.

Wer oder was hat Ihnen bis jetzt besonders bei Ihrer Arbeit geholfen?
Die wichtigste Person für ein Buch – neben dem Autor – ist die Lektorin oder der Lektor. Anfänger unterschätzen oft, wie wertvoll es ist, ein gutes und sorgfältiges Lektorat zu haben. Sinnvolle Anmerkungen zum Plot, zum Timing und zu den Charakteren sind ungeheuer wichtig, und wenn es jemanden gibt, mit dem man diese Dinge stundenlang diskutieren kann, führt das am Ende zu einem besseren Buch. Das ist auch etwas anderes, als mit dem Partner oder Freunden darüber zu sprechen. Gute Lektoren sind objektiv und sehr gründlich.

Was war die längste Zeit, die Sie hintereinander ohne Pause geschrieben haben?
Ich habe einmal, bei meinem zweiten Buch SCHWEIGENETZ, fünfundzwanzig Seiten am Stück geschrieben. Das habe ich aber danach nie wieder versucht. Zehn Seiten, zwischen fünf und neun Stunden, reichen mir.

Gibt es Zeiten, in denen sie das Gefühl haben, dass es beim Schreiben nicht gut läuft? Was machen Sie dann, um sich zu überwinden und zu motivieren?
Natürlich gibt es solche Phasen. Ich bemühe mich, trotzdem weiterzuschreiben, was ein ziemlicher Willensakt sein kann. Aber meist läuft es nach ein paar Stunden oder Tagen wieder besser. Und nicht selten schreibe ich an unmotivierten Tagen die besten Szenen.

Hatten Sie schon mal eine Schreibblockade?
Ich glaube nicht so recht an die klassische Schreibblockade. Kontinuierliches Schreiben hat sehr viel mit Überwindung zu tun – in der Regel hat man ja niemandem im Nacken sitzen, der Druck ausübt. Der Druck muss also aus einem selbst kommen. Und entweder man akzeptiert für sich, dass man auch an Tagen schreibt, an denen man lieber etwas anderes tun würde, oder man lässt es bleiben. Manche Schreibblockaden sind nah an der Grenze zur Bequemlichkeit und Lustlosigkeit. Wobei ich natürlich solche Blockaden ausschließe, die äußere Gründe haben: Trauerfälle, Krankheiten etc. Was mir auf die Nerven geht, ist das Gejammer sogenannter „literarischer“ Autoren, bei denen es zum guten Ton gehört, mindestens einmal im Leben ausgiebig blockiert zu sein. Oft ist das die Angst vor dem zweiten Buch nach dem ersten Überraschungserfolg oder auch eine romantisierte Version von Faulheit.

Was motiviert Sie, weiterzuschreiben?
Bevor ich ans Ende einer Geschichte komme, habe ich schon die nächste im Kopf. Nicht vollständig, aber die ersten Ideen sind da, die ersten Bilder – ich muss die Bilder, die ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme, aufs Papier bringen, um sie mit anderen zu teilen.

6. Figuren

Sie verwenden oft starke Mädchen und Frauen als Hauptfiguren. Warum entscheiden Sie sich für weibliche Protagonisten?
Die WOLKENVOLK-Trilogie hat einen männlichen Protagonisten, die WELLENLÄUFER- und die MERLE-Trilogien nahezu gleichwertige männliche Nebenfiguren. Frauen schreiben ja auch aus der Sicht von Männern, letztlich ist das gar nicht so schwierig. Man muss sich nur in andere hineinversetzen können, dann spielt das Geschlecht keine große Rolle mehr. Ich weiß nicht genau, woher der Eindruck rührt, dass ich nur über Mädchen und Frauen schreibe. Die Frage danach taucht immer wieder auf. Aber niemand will von J.K. Rowling wissen, warum ihre Bücher „Harry Potter“ und nicht „Hermione Granger“ heißen.

Gibt es bei Ihren Büchern irgendeine Figur, die Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist?
Rosa Alcantara in ARKADIEN ERWACHT und ARKADIEN BRENNT. Aura Institoris in DIE ALCHIMISTIN und DIE UNSTERBLICHE. Es gäbe auch noch einige andere, wenn ich sie Figur für Figur durchgehen würde.

Wie kommen Sie auf ausgefallene Namen wie Wisperwind und wann entscheiden Sie sich für die eher geläufigen Namen wie Rosa oder Niccolo?
Manchmal ist der Name zuerst da, dann „baue“ ich die Figur um ihn herum. Oft ist es aber umgekehrt: Ich habe einen Charakter im Kopf und suche oder erfinde einen Namen, der nach meinem Gefühl dazu passt.

Was machen Sie, wenn Figuren und Handlung beim Schreiben eine Eigendynamik entwickeln, die Sie nicht geplant haben?
Ich lasse es bis zu einem gewissen Punkt zu. Dann ziehe ich die Notbremse und bringe sie wieder auf Kurs.

7. Aussagen zur eigenen Arbeit

Worin liegt Ihrer Meinung nach der Erfolg Ihrer Werke?
Ein Autor ist selbst der letzte, der das objektiv beantworten kann. Ich versuche, meinen Charakteren mindestens das gleiche Gewicht zu geben wie dem Plot, und das mag etwas sein, das innerhalb der Genreliteratur manchmal zu kurz kommt. Und ich verweigere mich dem nahe liegenden Weg, das heißt, ich denke beim Entwurf der Handlung gern um mehrere Ecken, um so auf Wendungen zu kommen, die die Leser hoffentlich nicht voraussehen können.

Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie einmal so erfolgreich werden?
Man kann sich das wünschen, aber das hat nichts mit Erwartungen zu tun. Ich habe ziemlich beständig darauf hingearbeitet, vor allem im Rückblick betrachtet, aber dabei gab es nie einen ausgefeilten Plan oder das eine große Ziel. Was den Erfolg einzelner Bücher angeht: Planbar ist so was nicht. Wir alle – Autoren, Verlage – hoffen natürlich immer auf das Beste, und mit wachsendem Erfolg wird sicher auch die Erwartungshaltung größer. Umgekehrt natürlich auch ein wenig die Enttäuschung, wenn mal etwas nicht so groß einschlägt wie erhofft. DIE STURMKÖNIGE war so ein Fall. Die Verkaufszahlen sind alles andere als schlecht, aber eben nicht so, wie es der enorme Werbeaufwand erwarten ließ. ARKADIEN hingegen funktioniert ganz wunderbar, und das freut mich besonders, weil ich so an dem Buch und an Rosa hänge. (Ich halte DIE STURMKÖNIGE für meine beste Abenteuer-Fantasy-Geschichte und die Charaktere für vielschichtiger als viele in früheren Trilogien, aber man kann den Leuten eben nicht vorschreiben, was sie warum zu mögen haben. ARKADIEN hingegen war ja auch ein Genrewechsel, und das hat mir einen Riesenspaß gemacht.)

Welches Ihrer Bücher würden Sie am ehesten empfehlen?
Dazu müsste ich den einen speziellen Leser kennen, der diese Frage stellt. Und seine Interessen oder zumindest seinen Geschmack. Generell: ARKADIEN ERWACHT. Fantasy-Fans sind sicher mit der STURMKÖNIGE-Trilogie gut bedient, Horror-Leser mit DIE VATIKAN-VERSCHWÖRUNG, DAS ZWEITE GESICHT oder GÖTTIN DER WÜSTE. Historische Romane mit phantastischem Einschlag: DAS BUCH VON EDEN und LORELEY. (Fast) reine Historie: HERRIN DER LÜGE. Jemandem aus der Gothic-Szene würde ich DIE ALCHIMISTIN empfehlen. Jugendlichen eine der anderen Trilogien. Aber das ist alles sehr verallgemeinernd.

Machen Sie einen Unterschied zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur?
Niemals in Sachen Stil oder Intensität. In meinen Jugendbüchern wird genauso gestorben, getötet oder verraten wie in meinen übrigen Büchern. Der einzige Unterschied, den es bislang gab, war der, dass Bücher wie DIE FLIEßENDE KÖNIGIN oder SEIDE UND SCHWERT eine größere Zahl an phantastischen Elementen haben. Früher war das Alter der Hauptfiguren ein Hinweis, aber auch das ist mittlerweile hinfällig: Rosa, die Heldin von ARKADIEN ERWACHT, ist siebzehn. Die Hauptfiguren einiger meiner so genannten Erwachsenenbücher wie DAS BUCH VON EDEN waren sechzehn, also jünger. Und ich selbst habe mit zwölf oder dreizehn Stephen King gelesen. Die Grenzen zwischen den Kategorien werden eigentlich nur noch künstlich aufrechterhalten, durch die Platzierung im Verlagsprogramm und in der Buchhandlung.

Haben Sie in irgendeiner Form Einfluss auf die Covergestaltung Ihrer Bücher?
Mal mehr, mal weniger. In der Regel werden mir die Coverentwürfe zumindest vorgelegt und ich kann meine Meinung sagen. Für das erste STURMKÖNIGE-Cover habe ich eine Skizze gemacht, die anders und doch ähnlich war wie das fertige Titelbild. Autoren sind aber nicht zwangsläufig Grafiker: Einige meiner schönsten Cover, die ARKADIEN-Titelbilder, habe ich zum ersten Mal fix und fertig gesehen. Ich konnte aber auch da noch Vorschläge machen (ARKADIEN ERWACHT hatte z. B. zu Anfang eine Hügellandschaft im Hintergrund, ich habe dann darum gebeten, daraus einen Meereshorizont zu machen).

Können Sie sich vorstellen, mal ein Buch in einem ganz anderen Genre zu schreiben?
Hab ich schon. Anfangs gab es einen Krimi und einen Spionagethriller, und dann ein paar mehr oder minder undefinierbare Bücher wie DAS GELÜBDE.

Sind Ihre Bücher immer ein Teil ihrer selbst, teilweise auch autobiographisch?
Teil meiner selbst: Klar, und das ist eines der schönsten Dinge am Schreiben: Man erschafft etwas aus dem absoluten Nichts. Was später im Buch steht, kommt NUR aus einem selbst, auch wenn man historische Quellen oder Ähnliches benutzt. Die Geschichte, die Figuren, die Emotionen das wird alles in meinem Kopf geboren. Autobiographisches habe ich nur mal in SCHWEIGENETZ verarbeitet. Lange her, 1993.

Gibt es eine Epoche, über die Sie besonders gerne schreiben?
Ich mag die Zwanzigerjahre gern, überhaupt das ganz frühe 20. Jahrhundert, aber das scheint bei den meisten Lesern nicht allzu gefragt zu sein. Was mir daran gefällt ist die Grenzsituation dieser Zeit, irgendwo auf dem schmalen Grat zwischen Historie und Moderne.

Möchten Sie mit Ihren Büchern die Menschen zum Träumen bringen?
Der Reiz beim Schreiben ist ja, andere Menschen die eigenen Träume träumen zu lassen – aber aus ihrer eigenen Perspektive, in ihrer eigenen Ausstattung, mit eigener Besetzung. Jeder Leser ist der Regisseur seines eigenen Films im Kopf. Ich würde eine Menge dafür geben, mal eine Auswahl davon ansehen zu können. Eine DVD-Sammlung mit Interpretationen meiner Geschichten, nicht wissenschaftlich, nur gefühlt, als reine emotionale und visuelle Inszenierung. Das wäre toll.

Welche Themen wollen Sie mit Ihren Büchern besonders zum Ausdruck bringen?
Meine Bücher haben Themen – manche mehr, andere weniger , aber ich werde mich hüten, sie aufzulisten. Ein Thema in einem Satz zusammenzufassen, lässt es in der Regel flach oder, schlimmer noch, prätentiös klingen. Wenn ein Roman wie HERRIN DER LÜGE recht eindeutig um ein ganz bestimmtes Thema kreist, dann gebe ich mir auf mehr als 800 Seiten Mühe, das nicht zu offensichtlich zu machen. Die Geschichte muss stimmen, die Figuren und ihre Emotionen müssen funktionieren alles andere steht hinten an.

Es scheint, als hätten Sie sich in letzter Zeit ausschließlich auf das Schreiben von Trilogien konzentriert. Auch die Geschichte um Arkadien wird in mehreren Bänden erzählt. Was gefällt Ihnen an dieser Aufteilung und was können Sie darin verwirklichen, was in einem Einzelband nicht möglich wäre?
ARKADIEN ERWACHT war nicht als Auftakt einer Trilogie geplant, sondern als erste Episode einer Reihe. Die wird vermutlich auch erst einmal aus drei Bänden bestehen, mit der Option auf Fortsetzungen, aber ich bin nicht mit dem Ziel heran gegangen, eine große Geschichte in drei Teilen zu erzählen. Die einzelnen Bücher sind in sich abgeschlossen, nur im Hintergrund läuft einiges weiter. Bei den Trilogien um DIE STURMKÖNIGE oder DAS WOLKENVOLK war von Anfang an eine lange Geschichte geplant, die ich mehr oder minder in drei Akte zergliedert habe. Theoretisch kann man den zweiten ARKADIEN-Band für sich allein lesen, während das bei den anderen Mehrteilern nicht allzu ratsam wäre. Was nun den Unterschied zwischen Einzelroman und Trilogie angeht, so ist das ein wenig wie beim 90-Minuten-Film contra Fernsehserie. Wer nachvollziehen kann, warum es oft viel mehr Spaß macht, sich eine gute Serie als Komplettbox auf DVD über mehrere Tage oder Wochen anzuschauen statt einen einzelnen Film im Kino, der weiß in etwa wie es sich anfühlt, Figuren und Handlungsstränge über mehrere Bücher hinweg zu entwickeln.

8. Phantastik und Fantasy

Was glauben Sie, ist an Mythen so faszinierend, dass Menschen immer wieder Geschichten darüber hören wollen – obwohl heute die meisten wissen, dass es Mythen und keine Wahrheiten sind?
Ich habe mich lange mit Mythenforschung beschäftigt, viele Bücher darüber gelesen, die besten meines Erachtens von Mircea Eliade. Sehr vereinfacht sagt er, dass sich Mythen weitestgehend aus Symbolen zusammensetzen − und diese Symbole es erlauben, den Menschen seiner Historie zu entkleiden und auf das zu reduzieren, was sein eigentliches Menschsein ausmacht. Das ist die grundsätzliche Suche nach Zielen und Bestimmungen, nach dem, wie Eliade es nennt, „Heiligen in der Welt“. Und das meint er nicht im Sinne einer einzelnen Religion, sondern rein spirituell. Wir suchen nach Erfahrungen des Wunderbaren, die uns zugleich ein wenig die Augen über uns und unsere Umgebung öffnen. Phantastische Literatur leistet im besten Fall etwas sehr Ähnliches.

Immer wieder wird über den Sinn und die „Legitimität“ von Fantasy diskutiert. Wie sehen Sie die Rolle der Fantasy heute?
Im besten Fall ist Fantasy Symbolismus, vermischt mit guter Unterhaltung. Manchmal ist sie nur das eine, manchmal nur das andere, und viel zu oft leider keines von beidem. Aber so ist das immer, wenn ein Genre erfolgreich wird. Es gibt gute und schlechte Thriller, gute und schlechte romantische Komödien. Das trifft genauso auf die Fantasy zu. Wenn die Qualität stimmt, muss man über Legitimität nicht diskutieren.

Wieso schreiben Sie phantastische Romane?
Weil die phantastische Literatur mehr Farben bietet als die realistische. Und weil alles, was wir uns vorstellen und in Gedanken ausmalen können, ebenso real ist wie die konkrete „wirkliche“ Welt um uns herum. Unsere Phantasie (d.h. Wünsche, Träume, Ziele) beeinflussen unseren Alltag weit mehr als die konkrete Entscheidung, welches Auto wir uns kaufen. Oder welches Brötchen beim Bäcker.

Schreiben Sie auch einmal wieder einen Historischen Roman?
Meine historischen Romane waren ja immer auch phantastische Romane. Das heißt, Romane wie DAS BUCH VON EDEN oder HERRIN DER LÜGE hatten immer auch Elemente, die sich nicht rational erklären ließen. Wer meine Bücher mag, sollte sie nicht wegen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Genre lesen. Charaktere, Emotion und Spannung haben nichts mit Fantasy, Historie oder, meinetwegen, Kriminalroman zu tun. Die Phantastik gibt mir einfach nur mehr Werkzeuge an die Hand, um Gefühle zu unterstreichen, indem ich sie in andere Bilder verpacke. Ein wenig wie Geschmacksverstärker.

Ab wann werden Vergangenheit und Gegenwart phantastisch oder unheimlich?
Oft beginnt es mit den kleinen Dingen. Ich muss nicht erst – wie beim Wolkenvolk – ganze Heerscharen von Drachen aufmarschieren lassen. In DAS ZWEITE GESICHT etwa entsteht das Unheimliche und Phantastische fast ausschließlich durch kleine Gesten, manchmal nur bestimmte Metaphern, mit denen etwas vollkommen Reales und Alltägliches beschrieben wird.

In Ihren Büchern vermischen Sie historische und phantastische Elemente, die oft Mythen entnommen sind. Wählen Sie nur phantastische Elemente aus, die in den entsprechenden historischen oder zeitlichen Kontext passen?
Meine Recherche zu einem Thema beginnt fast immer mit den Mythen und Legenden des jeweiligen Schauplatzes. Bevor ich mich mit der Historie auseinandersetze – die ich dann auch gern mal ignoriere oder verdrehe −, nehme ich mir die Mythologie vor. Elemente daraus vermischen sich meist ziemlich schnell und organisch mit meinen eigenen Ideen, sodass ich bald selbst keine Grenze mehr ziehen kann. Wenn ich mir zum Beispiel die WOLKENVOLK-Trilogie ansehe, müsste ich sehr genau nachdenken, um zu entwirren, was ich mir habe einfallen lassen, und was auf chinesischen Mythen beruht, vor allem im dritten Band.

Welche Rolle spielen Religionen für Sie in Ihren Werken?
Ich benutze sie wie jeden anderen Mythos.

Wie recherchieren Sie für Ihre phantastischen Romane?
Der überwiegende Teil besteht aus Literaturrecherche. Dazu kommen in manchen Fällen Reisen vor Ort. Aber das allermeiste kommt aus Sachbüchern aller Art − und ich habe auch keine Skrupel, Details zu erfinden, solange sie glaubwürdig klingen. Die Welt des Romans muss innerhalb der Geschichte real wirken und dabei atmosphärisch sein.

9. Übersetzungen

Über welche Übersetzung haben Sie sich am meisten gefreut?
Am meisten gefreut habe ich mich sicher über die amerikanischen und britischen Ausgaben, weil sehr wenig deutsche Literatur ins Englische übersetzt wird.

Waren Sie auch schon im Ausland auf Lesetour? Was war das für eine Erfahrung?
Die beiden Touren durch die USA waren interessant. Mein dortiger Verlag, Simon & Schuster, hat mich kreuz und quer durchs ganze Land geschickt, nach New York, Philadelphia, Washington, Chicago, Seattle und Portland. Die Lesungen waren größtenteils in Schulen, und die Jugendlichen, die ich dort getroffen habe, waren extrem interessiert und neugierig. Ich habe auch noch in ein paar anderen Ländern gelesen, in Lettland, Belgien und Tschechien. Einladungen, die ich aus verschiedenen Gründen bislang nicht annehmen konnte, kamen aus Island, Italien und der Türkei, aber ich hoffe, ich kann das mal nachholen.

In Deutschland heißt Jugendschutz keine Gewalt in Jugendbüchern, in den USA kein Sex. Hatten Sie schon mal Probleme wegen Jugendschutz?
In den USA gab es eine kurze Diskussion mit dem Lektorat über ein Kapitelende der WELLENLÄUFER-Trilogie, das andeutet, dass die Protagonisten im Anschluss (und im Off) Sex haben könnten. Ich hab mich geweigert, das zu ändern, was letztlich auch akzeptiert wurde. Soweit ich weiß, hat sich kein Leser je darüber aufgeregt. Irgendwer in Amerika hat auch einmal eine andere Stelle angemerkt, ebenfalls aus DIE WELLENLÄUFER, in der eine Figur erzählt, wie jemandem in der Vergangenheit die Worte „Bitte eintreten“ aufs Hinterteil tätowiert wurden. Das war arg albern, zugegeben, und bezog sich im Deutschen natürlich aufs „Treten“. Die Übersetzerin hat das aber lustiger Weise mit „Please enter“ übertragen – was ja wörtlich genommen nicht falsch ist, aber von einer empörten Leserin arg missverstanden wurde.

10. Adaptionen

Hörbücher / Hörspiele

Hören sie selbst Hörbücher oder Hörspiele?
Ich bin in den Siebzigern mit den Europa-Schallplatten aufgewachsen, wie so viele der Produzenten und Regisseure, die jetzt selbst mit der neuen Generation von Hörspielen zu tun haben. Heute höre ich mehr Hörspiele und Hörbücher als je zuvor, eigentlich ständig im Auto oder wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin.

Gibt es die Vorgeschichten zur MERLE-Trilogie und den WELLENLÄUFERN auch als Buch?
Nein, DER BRENNENDE SCHATTEN habe ich exklusiv als Hörspiel geschrieben, genau wie DER KLABAUTERKRIEG.

Inwieweit sind Sie bei der Produktion von den Hörspielen involviert?
Bei den Hörspielen bin ich sehr involviert, dort gehe ich Satz für Satz über die Textadaptionen, feile daran, schreibe meinen eigenen Originaltext um und spreche alles mit den Autoren durch.

Haben Sie Einfluss auf die Wahl der Sprecher?
Ich suche, wenn möglich, zumindest die Hauptrollen mit aus. So habe ich ein paar Stimmen für DIE ALCHIMISTIN vorgeschlagen, auch einige für die Hörspieladaption der WELLENLÄUFER. Zuletzt segne ich die fertigen Hörspiele ab und mache hier und da Anmerkungen für kleinere Änderungen. In den letzten Folgen der ALCHIMISTIN wurde daraufhin zum Beispiel eine Rolle umbesetzt und komplett neu aufgenommen. Anders war es bei meinen Originalhörspielen DER BRENNENDE SCHATTEN und DER KLABAUTERKRIEG, die vom WDR produziert und besetzt wurden. Aber auch da kann ich mich nicht beschweren. Jörg Schlüter ist zweifellos einer der besten deutschen Hörspielregisseure, und wenn ich mehr Zeit hätte, würden wir wahrscheinlich häufiger zusammenarbeiten.

Verfilmungen

Wird es nach der Verfilmung von DAS GELÜBDE weitere Filme basierend auf Ihren Büchern geben?
Schon möglich, aber das ist nichts, worauf ich mit angehaltenem Atem warte. Ich bin mittlerweile sehr abgeklärt, was den Umgang mit Produzenten und deren Angeboten angeht. Oft steckt dahinter vor allem sehr viel heiße Luft, leider. Selbst ein Fernsehfilm kostet um die zwei Millionen Euro, ein großes Kinoprojekt ein Vielfaches davon. Es ist nicht allzu realistisch, anzunehmen, dass aufwändige Stoffe wie meine große Chancen hier in Deutschland hätten.

Sie haben die Drehbücher zu den Horrorfilmen SCHOOLS´S OUT und SCHOOL´S OUT 2 geschrieben. Basieren die Filme auf Ihren Ideen?
Ja. Die Vorgabe von RTL war lediglich beim ersten, dass es ein Teen-Slasher sein sollte. Den haben sie bekommen – und sich dann gewundert, dass es massiven Ärger mit dem Jugendschutz gab.

Würden Sie das Drehbuch zu Verfilmungen Ihrer eigenen Romane schreiben?
Nein. Habe ich einmal versucht, aber es macht keinen Spaß, dieselbe Geschichte noch einmal zu schreiben.

Comics

Würden Sie sagen, dass die WOLKENVOLK-Comics alle Facetten der Bücher wiedergeben?
Alle Facetten können Comics nicht widergeben, aber Yann Krehl, der die Manuskripte schreibt, gibt sich enorme Mühe, so viel Originaltext wie möglich zu erhalten. Sein Umbruch der Szenen in Einzelbilder ist hervorragend. Die Atmosphäre stimmt, die Figuren auch, ihre Eigenheiten bleiben in großen Teilen erhalten, kleine Charakterdetails (z. B. Wisperwinds Angst vor Gewittern) sind noch da − ich bin also sehr zufrieden.

11. Nachwuchs

Haben Sie einen Ratschlag für alle, die mit dem Schreiben beginnen möchten?
Schreiben ist in erster Linie kein Beruf, kein Status, kein Ziel und keine Erfolgsformel – Schreiben ist eine ganz konkrete Tätigkeit. Also erzähle mir keiner: „Irgendwann schreibe ich auch mal ein Buch.“ Ich sage ja auch nicht zu einem Chirurgen: „Irgendwann arbeite ich auch mal am offenen Gehirn.“ Wer schreiben will, muss es vor allen Dingen tun. Jetzt. Dann zeigt sich recht schnell, ob man tatsächlich das Talent dazu hat oder nicht. Schreiben bedeutet zu einem erheblichen Teil Selbstdisziplin. Manchmal muss man sich zwingen, sich hinzusetzen und loszulegen. Oder weiterzumachen. Wer das nicht kann, braucht auch nicht davon zu träumen, mal ein Buch zu veröffentlichen.

Wie viel sollte man auf Meinungen von außen geben?
Meinungen von Verlagen und Agenten sind unverzichtbar. Von Freunden und Familie: Schwierig. Eigentlich ist es nur hilfreich, wenn die Betreffenden sehr, sehr ehrlich sind.

Welche handwerklichen Aspekte sollte man beim Schreiben immer im Hinterkopf haben?
Handwerk muss sein, sowohl im Aufbau von Geschichten und Charakteren, als auch stilistisch. Ganz besonders die Struktur wird oft unterbewertet (Dramaturgie, Spannungsaufbau, Weiterentwickeln von Charakteren etc.).

Was würden Sie Jugendlichen, die schreiben, empfehlen?
Schreibt eure Geschichten unbedingt zu Ende. Auch wenn ihr mal keine Lust mehr habt, ein neues Thema plötzlich viel spannender erscheint und ihr euch langweilt: Weiterschreiben! Überlegt lieber: Warum langweile ich mich? Und was kann ich verändern, damit die Leser sich nicht langweilen? Das sind die Fragen, die auch Profis sich stellen müssen. Und Selbstdisziplin ist zwar kein schönes Wort, aber ganz wichtig beim Schreiben.

Was machen Sie mit selbst geschriebenen Texten von Lesern, die Sie bitten, etwas dazu zu sagen?
Zugesandte Manuskripte kann ich leider nicht lesen, zum einen aus Zeitgründen, zum anderen, weil es rechtlich bedenklich ist: Was, wenn ich gerade an einer ganz ähnlichen Idee arbeite? Theoretisch könnte man mir später nachsagen, dass ich die Idee aus dem fremden Text übernommen habe.

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